Gemeindebrief

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Oktober – November 2019

Liebe Leser,

wir Älteren sind alle Zeitzeugen des 9. November 1989. Vielen von uns kommt jetzt dreißig Jahre später wieder in Erinnerung, wie wir diesen einzigartigen Tag erlebten. Ja, so war es damals:

Uns alle überraschend kommen in der 20:00-Uhr-Tagesschau die ersten Bilder von der Bornholmer Straße in Berlin. Wie gebannt sitzen wir vor dem Fernseher und verfolgen zusammen mit unseren Nachbarn die frühen Hinweise darauf, dass sich in diesen Minuten die Mauer mitten durch Berlin öffnet. Dieses im August 1961 scheinbar für alle Ewigkeit errichtete Bauwerk des Schreckens, das über viele Jahrzehnte immer perfekter ausgebaut wurde, gibt dem Druck der Menschen aus dem Osten Berlins, die in Scharen zu den Grenzübergängen strömen, nach einigem Zögern endlich nach. Die Fernsehkameras zeigen uns die Gesichter der Menschen, die völlig fassungslos, überglücklich und von unendlichem Glück überwältigt in den bis dahin abgeriegelten Westen ihrer Stadt ziehen und sich dort kurz darauf mit Westberlinern in den Armen liegen.

Schon bald sieht man die ersten “Trabi”-Kolonnen hupend den Kurfürstendamm entlangfahren. Der Sekt fließt in Strömen. Der Jubel kennt kein Ende. Ganz Berlin scheint auf den Beinen. Bald wird sogar die Mauer am Brandenburger Tor bestiegen, ohne das ein einziger Schuss fällt. Unglaublich, was wir damals zu sehen bekommen. Dreißig Jahre später stehen wir, Mitglieder einer internationalen Reisegruppe, genau dort, wo die Mauer verlief. Im Trubel einer modernen Großstadt ist es nicht leicht, unter tausenden Touristen die Atmosphäre des 9. November 1989 nachzuempfinden. Von dem Todesstreifen, der durch unsere Hauptstadt verlief, in dem Menschen nach teilweise stundenlangem Todeskampf ums Leben kamen, ist am Brandenburger Tor, in der Mitte Berlins fast nichts übrig geblieben. Erst der Besuch der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße lässt bei uns allen ein Gefühl für den monströsen Schrecken der Mauer entstehen. Hier erst, wo Menschen in den ersten Tagen nach dem Mauerbau noch einen beherzten Sprung aus oberen Etagen wagten, um in die Freiheit zu kommen, ist zu spüren, mit welch einer Menschenverachtung die DDR-Oberen ihr Land abgrenzten und die eigene Bevölkerung drangsalierten.

Dreißig Jahre Öffnung der Mauer, das muss in diesen Wochen unser Thema sein. Wie sehr hatte die Teilung unseres Landes die Menschen voneinander entfremdet, wie unterschiedlich hatten sich die Lebensbedingungen und Lebensmöglichkeiten in Ost und West entwickelt. Im Sommer 1989 hatte ich die Gelegenheit, erstmals in die DDR-Provinz östlich von Leipzig zu reisen. Was ich dort erlebte, hat sich in mir tief eingeprägt. Zum Beispiel die Dienstwohnung eines Kollegen – sie war schlicht ein nasses Loch. Oder der Bericht einer Presbyterin, deren Neugeborenem man mit der Bemerkung “Ist ja nur ein Christ!”- die medizinische Behandlung verweigerte. Die Menschen dort waren in einer Papierfabrik beschäftigt, deren hochgiftige Abwässer direkt in den Fluss gelangten. Die offenen Abwässerkanäle stanken furchtbar. Den Kindern war es streng verboten, in ihrer Nähe zu spielen.

BerlinWenige Wochen später aber öffnete sich die Grenze – bis heute schlicht ein Wunder. Für viele ein Geschenk des Himmels. Die Erfüllung einer Sehnsucht, an deren jahrzehntelangem Ausbleiben viele Menschen zerbrochen waren. Allerdings haben wir uns bald nach dem 9.November 1989 viel zu schnell an die neue Realität gewöhnt und halten sie heute für selbstverständlich.

Dabei müssen wir die Erinnerungen wach halten und nicht einfach hinter uns lassen. Das schulden wir Menschen, die unter Lebensgefahr auf die Straße gingen, sich in Kirchen versammelten und schließlich mit ihrem gewaltlosen Protest ein unmenschliches Regime zu Fall brachten. Sicher spielte damals die politische “Großwetterlage” eine Rolle.

Viele Menschen wünschten sich ein Ende der Ost-West-Konfrontation. Entscheidend aber war der Mut, der zum offenen Widerstand führte. Die Bereitschaft vieler Gemeinden, ihre Kirchen für die täglichen Friedensgebete zu öffnen. Und das feste Vertrauen darauf, dass es morgen schon eine sehr viel bessere Zukunft geben kann.

Diese Erinnerungen müssen wir in diesen Wochen zur Sprache bringen. Sie dürfen nicht in Vergessenheit geraten! Das müssen wir auch immer wieder unseren Flüchtlingen erzählen, die vor kurzem direkter Lebensgefahr entronnen sind, aber auch oft jede Hoffnung auf Veränderung der Lebensumstände in ihrer Heimat aufgegeben haben. Freiheit und Frieden ist für sie und ihren Familien in weite Ferne gerückt.

Unsere internationale Reisegruppe besuchte im April 2019 nicht nur die Mauergedenkstätte, sondern auch die Holocaust-Gedenkstätte zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz. Hier spürt man die monströse Bedeutung des 9. November 1938, als der offene Terror gegen die Juden in Deutschland begann. Ich habe das Gefühl, dass unser Berlin-Besuch gezeigt hat, warum wir uns auf dem Hintergrund der Höhen und Tiefen unserer deutschen Geschichte heute für eine demokratische, offene, friedliche Gesellschaft stark machen.

“Lass ab vom Bösen und tue Gutes.
Suche den Frieden und jage ihm nach” (Psalm 34,15)!

Lassen Sie uns, liebe Leser, in diesen Wochen besonders nach unserer ganz persönlichen Verantwortung fragen. Und Wege finden, auf denen wir Hass und Gewalt – in Wort und Tat – überwinden.

Ihr/euer Pastor Ulrich Beimdiek

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